Autovergleich und Systemwechsel
Sunday, March 26th, 2006
Ein anderer Eindruck vom Kurztrip in die USA: auf dem Freeway eine schier unglaubliche Zahl von Priusen (…hoffe, daß dies der korrekte Plural von Prius ist; vom Latainischen her sollte es zwar eher Prii heißen, was aber nicht unbedingt besser klingt
).
Auf einem der Wagen hinten ein Aufkleber mit dem Spruch “Because good planetes are hard to find.” Ich bin zwar sicher kein Grüner, aber Umweltbewußtsein mit Humor beindruckt mich doch !
An den meisten stellen machen die USA zwar immer noch den Eindruck, als seien sie “drunken on oil”, aber hier zeigt sich, daß schon eine Gegenbewegung Platz greift und sich langsam eine kritische Masse von Bürgern formiert, die durch ihr indiviudelles Handeln versuchen, das Pendel in eine andere Richtung zu bewegen.
Unsere europäischen Wohlfahrt-u. Sozialstaatssysteme, so kam mir bei diesem Anblick der Gedanke, eignet sich gut für eine Auto-Analogie.
Der einfachste Ansatz wäre es natürlich, unseren Staat mit einem spritfressenden HUMMER zu vergleichen - doch trifft dieser Vergleich leider nicht zu: dann würde es sich wenigstens um einen schicken Neuwagen handeln, der zwar unverantwortlich Resourcen vergeudet, aber ansonsten viel zu bieten hat.
Vielmehr passend für einen Vergleich wäre ein S-Klasse-Mercedes aus den 70iger Jahren: später aus zweiter Hand als Familienkutsche deutlich günstiger angeschafft zu Zeiten des Wohlstandes ist er deutlich in die Jahre gekommen, hat aber immer treu seine Dienste verrichtet.
Einige Umrüstungen hat er mitmachen können, zum Beispiel auf den KAT.
Seinen wesentlichen Problemen ist aber nicht mehr beizukommen: dem Verbrauch und dem Verschleiß.
Er ist mit der Zeit am Ende seiner Anpassungsfähigkeit angekommen: seine vielen Zylinder und der mörderische Hubraum werden immer unverantwortliche Mengen Sprit benötigen. Eine Umrüstung auf Gas oder gar Hybrid ist technisch gar nicht mehr möglich.
Stattdessen gibt es immer etwas herumzudoktorn: mal die Bremsen, dann erste Roststellen am Unterboden - das lenkt davon ab, sich auf die eigentlichen Probleme mit dem Fahrzeug zu konzentrieren.
Hinzu kommt natürlich der gefühlsmäßige Aspekt: eine über Jahre gewachsene Beziehung - sehr viele gute Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse und die treuen Dienste. Da fällt es schwer, den alten Klepper einfach so abzuservieren.
Aber leider halten die emotionalen Aspekte einer rationalen Analyse nicht stand: als er gebaut wurde, war der Wagen ein Über-Monster auf freien Autobahnen.
Aber was nutzen die PS im Stau ? Und die Geschwindigkeit macht auch verhältensmäßig wenig Spaß bei einem Verbrauch von 20 Litern auf 100 km und einem Spritpreis, der sich seither verdreifacht oder vervierfacht hat.
Mit anderen Worten: soll sich fundamental etwas verändern, dann kann dies nicht mit, sondern nur ohne die alte Kutsche geschehen - mit anderen Worten: ein vollständiger Systemwechsel muß her.
Ein völlige anderes Antriebskonzept (z.Bsp. Hybrid) oder die nahtlose Integration anderer neuer Techniken (z.Bsp. intelligente Naviaton, HUD etc.) lassen sich halt nicht mehr auf der alten Basis realisieren.
Klingelt’s was das für unser heutiges Gemeinwesen heißt ?
Komischerweise sind die Deutschen in Sachen Automobil deutlich wandlungsfreudiger - es verwundert ja schon, daß das Recht auf Neuwagen alle zwei Jahre bislang in der Politik nicht als Vorschlag für eine Verfassungergänzung herhalten mußte. Alleine schon aus dieser Warte sollte dem Deutschen Michel der Abschied von unserem alten System leichter fallen….
Umgekehrt würde unsere alte Kutsche sicher auch noch einen Liebhaber finden, der sich ihrer liebevoll annehmen würde - bisher sind mir aber keine Sammler überkommener Sozialsysteme bekannt, die diese aus purer Lust am Alten über die Zeit weg für die Nachwelt funktionstüchtig konservieren würden.
Aber ironische Gegenargumente einmal beiseite: auch eine echte Reform in Deutschland ist nur über die Realisierung eines Reißbrett-Systems möglich, welches sich nicht an den Vorgaben von gestern, sondern ausschließlich an den Erfordernissen von heute und morgen orientiert.
Anders gesagt: mehr Prius bitte, und keine Gebraucht-S-Klasse aus den 60iger oder 70iger Jahren mehr !
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